...um
einen einzigen Vers zu schreiben, muss man viele Städte, Menschen und Dinge
gesehen haben,
man muss die Tiere kennen, man muss fühlen vie die Vögel
fliegen,
und wissen welche Bewegung die kleinen Blumen machen, wenn sie sich am Morgen
öffnen.
Man muss an Wege in unbekannten Gegenden wiederdenken können,
an unerwartete Begrüßungen, an Abfahrten, die man seit langem riäher kommen
sah,
an Kindheitstage, deren Geheimnisse sich noch nicht geklärt haben,
an in ruhigen Zimmern verbrachte Tage,
an Vormittage am Meeresufer,
an das Meer selbst, an die Meere , an volle durchreiste Nächte,
die mit den Sternen verflogen und es reicht nicht aus, dass man an all' dies zu
denken weiß.
Man muss Erinnerungen haben an viele Liebesnächte,
von denen keine an die andere glich, an Frauenschreie beim Gebären,
an leichte, weiße und schlafende Frauen.
Man sollte auch bei Sterbenden gewesen sein, bei Toten gesessen haben,
im Zimmer und mit offenem Fenster, um die Stoßweisen Geräusche zu hören.
Und es reicht selbst nicht, Erinnerungen zu haben.
Man sollte sie auch vergessen können, wenn sie zu zahlreich sind.
Man muss die große Geduld haben zu warten, dass sie wiederkommen.
Denn es sind noch nicht die wirklichen Erinnerungen.
Nur in dem Moment, wo sie in uns Blut, Blick, Geste werden,
keinen eigenen Namen mehr haben, sich von uns nicht mehr unterscheiden,
kann es geschehen, dass sich aus ihnen heraus in eines begnadeten Stunde
das erste Wort eines ersten Verses ergibt
(Reiner Marie Rilke - Les cahiers de M.L. Brigge)